Das PEZ-Spender Syndrom

Kennt ihr PEZ-Spender? Klar kennt ihr die! Diese netten kleinen Spielzeuge, die typischerweise die Köpfe der aktuellsten Comic-Helden tragen und wenn man den Kopf in den Nacken nimmt, dann kommt vorne ein Bonbon raus? Klasse die Dinger, oder? Aber so heldenhaft und unersetzbar sie in unserer Kindheit auch waren. Sie sind eines der schlechtesten Beispiele für funktionelle Bewegung die es gibt – und das liegt nicht nur daran, dass sich hier lediglich der Kopf bewegt 😉

Schaut euch mal das unten stehende Foto von Camille LeBlanc-Bazinet bei den CrossFit Games 2012 an…

Cami beim Deadlift...trotz hübschem Gesicht ist die Ausführung des Deadlifts so nicht so hübsch.
Cami beim Deadlift…trotz hübschem Gesicht ist die Ausführung des Deadlifts so nicht so hübsch.

So, jetzt nehmen wir mal alle wieder unseren Blick von den doch sehr ansehnlichen Regionen und konzentrieren uns wieder auf die Bewegungsausführung ;-)! Das Bild ist nämlich ein ideales Beispiel für das PEZ-Spender Syndrom. Cami ist in der Hüfte gebeugt, nimmt aber den Kopf in den Nacken, um ihren Blick weiter in Richtung Horizont zu richten. (Das wird auch von vielen Coaches so ausgebildet, aber ihr werdet gleich sehen warum es eigentlich keinen Sinn macht)

Die Autobahn

Der Sinn eines Deadlifts ist es, die Hüfte zu beugen, also den so genannten Hip Hinge auszuführen und nicht den Nacken zu beugen. Den Blick am Horizont zu lassen mag ganz nett sein, wenn der Vordermann ein entsprechend ansprechendes Hinterteil besitzt, ist aber faktisch eine Abweichung von der ergonomisch korrekten Körperhaltung und führt nur dazu, dass sich euer Zentrales Nervensystem (ZNS) nochmal ganz genau überlegt, ob ihr jetzt maximale Kraft aufbringen dürft oder nicht. Und es wird sich leider gegen euch entscheiden. Nix da mit „Im Zweifel für den Angeklagten“! Schauen wir uns das doch mal an einem ganz einfachen Beispiel an. Eine Autobahn kennt so ziemlich jeder von uns, nicht wahr? Wenn die Autobahn frei und gerade ist, dann kann man richtig schön Gas geben! Klasse! Da kommt die ganze Power aus dem Wagen raus. Hat die Autobahn aber einen Knick, also eine Kurve, dann müssen wir ordentlich Gas wegnehmen, vielleicht sogar bremsen, und können nicht ganz so viel Power rausholen! Euer ZNS ist genauso. Durch die Wirbelsäule verläuft das Rückenmark. Durch das erhalten eure Körperteile entsprechende Befehle vom Gehirn was sie zu tun und zu lassen haben. Und das Rückenmark ist quasi für euren Körper, was die Autobahn im Beispiel ist. Macht die Wirbelsäule also einen von der Natur nicht vorgesehenen Knick, dann ist das eine Kurve, die unser ZNS zum Bremsen zwingt. Dementsprechend reagieren wir langsamer und können leider auch weniger Stabilität aufbauen.

Das sexy Doppelkinn

Das könnt ihr auch ganz einfach ausprobieren. Stellt euch einfach mal gerade hin. Gaaaanz gerade! Gerader! Nehmt euren Kopf jetzt so weit es geht nach hinten, ohne dabei die Augen hoch oder runter zu bewegen. Formt sich da was Unangenehmes unter dem Kinn? Wird eure Haut ein bisschen zusammengeschoben und es kommt dieses überaus attraktive Doppelkinn zum Vorschein, dass ihr nie haben wolltet? Na dann herzlichen Glückwunsch, denn genau das wollen wir haben! Das Doppelkinn ist die ergonomisch korrekte Kopfhaltung. Dabei ist die Wirbelsäule ziemlich gerade und zwar so, dass ihr wirklich die beste Stabilität aufbauen könnt. Probiert’s einfach mal aus! Stellt euch aufrecht hin. Jetzt geht ihr in das Doppelkinn, indem ihr einfach versucht euch richtig groß zu machen und den Hinterkopf quasi in die Höhe zu schrauben. Merkt ihr hier schon mehr Stabilität? Nein? Na dann lasst jetzt mal wieder locker. Alleine durch ein leichtes Vorschieben des Kopfes (also durch Loslassen des Doppelkinns) kommt ihr unweigerlich in einen (ganz) leichten Rundrücken. Die Körperspannung ist dabei einfach nicht die gleiche. Geht ihr wieder ins Doppelkinn habt ihr die Spannung aber Ruck Zuck wieder da. Easy, oder? Selbst in meiner Fitnesstrainer Ausbildung wurde uns gesagt, dass das Doppelkinn die eigentlich korrekte Körperhaltung ist, aber es wurde nie erklärt wieso. Ihr seid jetzt also schon mal schlauer als ich es damals war 😉

Eines ist aber noch wichtig: auch wenn ihr durch das „Sexy Doublechin“ mehr Stabilität aufbauen könnt, das Verletzungsrisiko im Schulter-Nacken-Bereich verringert und insgesamt mehr Kraft aufbringen könnt, so wird das Gewicht, das ihr mit Doppelkinn heben könnt ganz am Anfang geringer sein. Das liegt ganz einfach daran, dass ihr eure Körper, vor allem euer Zentrales Nervensystem, erst mal an die neue Bewegung gewöhnen müsst. Das ist alles. Klappt das einmal, dann liegen die neuen und viel sichereren PR’s schon bald viel näher 😉
So, jetzt noch einmal Cami anschauen, die Bewegung dann besser machen und ab in die Box – die Stange hebt sich schließlich nicht von alleine 😉

Finish Strong!
Euer Art

P.S.: Wenn ihr mehr wissen wollt zum Thema schaut euch den Artikel „Packing in the neck“ von Charlie weingroff an