Was macht einen guten CrossFit Coach aus?

Hey Leute,

das größte Problem von CrossFit ist die so geringe Hürde des Level 1, die man nehmen muss um sich „coach“ schimpfen zu dürfen. Es gibt ca. 8-10 Level 1 Seminare á 60 Leute pro Wochenende mit einer ungefähren Erfolgsquote von 80%. Das sind rund 480 neue „Coaches“ pro Wochenende. Und alle sind mehr oder weniger berechtigt eine eigene Box zu eröffnen. Da ist es wirklich nahe liegend, dass nicht nur Gutes dabei rumkommt. Meiner Einschätzung nach ist das ein riesiges Problem, das dem Sport ein teilweise ganz schön negatives Image verleihen kann, wenn immer mehr schlecht ausgebildete Trainer den Markt überschwemmen und oft die Grundlagen nicht richtig verstanden haben.
So kurz vor Weihnachten wollte ich die Chance nutzen kurz darüber zu sprechen was meiner Meinung nach einen guten CrossFit Coach ausmacht, so können sich alle Trainer unter uns die kommenden etwas ruhigeren Tage nutzen, um ein bisschen über sich selbst und ihr vergangenes Jahr als Trainer zu reflektieren und alle Crossfitter, die nicht selbst coachen darüber nachdenken, ob sie in einer guten Box, bzw. bei einem guten Coach gelandet sind.

1) Grundlagen
Ein guter Coach sollte seinen Fokus immer auf die Grundlagen der Bewegungsausführung richten. Frei nach dem Grundsatz Mechanics-Consistency-Intensity sollte jeder Trainer auf die technisch korrekte Ausführung der Bewegungsabläufe Wert legen bevor in irgendeiner Form Gewicht hinzugefügt wird. Qualität geht einfach vor Quantität und es bringt rein gar nichts dem Sportler zu erlauben ein Workout Rx’d auszuführen, nur weil er sich dann besser fühlt. Wichtig ist das, was man Ende rauskommt und das ist bei unzureichender Ausführungsqualität und zu hohem Gewicht meistens eine Verletzung.
Ein guter CrossFit Coach sollte sich daher auch im Klaren sein, welche Progressionen für diverse Übungen gut sind. Ein Formfehler im Frontsquat findet sich in aller Regel im Overhead Squat genauso wieder. Wer keinen sauberen Frontsquat schafft, weshalb auch immer, der sollte in der Regel nicht die Überkopfversion ausprobieren. Ein guter Coach weiß wann, wo und wie er die Übungen richtig und vor allem individuell skaliert.

2) Fokus auf der Mehrheit
Es fällt leicht sich auf die Top 10% der Athleten in einer Box zu konzentrieren. Sie können die Bewegungen in aller Regel sehr gut durchführen, schmeißen ordentlich hohe Gewichte durch die Gegend und geben richtig Gas. Da macht es einfach Spaß dabei zu sein und sie noch weiter anzufeuern. Zudem kennen sie in der Regel die gängigen Coaching Cues und wissen etwas damit anzufangen. Wenn ich als Coach nur noch kurze Sätze zurufen muss und direkt den Übertrag in die Übung feststellen kann geht das Trainerherz einfach auf!
Im krassen Gegensatz dazu fallen jedoch vor allem die letzten 10% in der Gemeinschaft auf, die exakt die gegenteilige Leistung zeigen. Sie sind meistens sehr frisch in unserem Sport, haben noch immense Probleme mit ganz grundlegenden Dingen und trauen sich noch nicht so recht auch einmal aus sich heraus zu gehen und einen Kampfschrei á la Tarzan und Jane loszulassen, wenn sie sich mit einer schwierigen Aufgabe konfrontiert sehen. Hier möchten die Trainer natürlich erst recht viel unterstützen und auch hier macht es enorm viel Spaß, weil beide Seiten meistens relativ schnell Erfolge feststellen können. Aber hey, die beiden Gruppen bilden nur jeweils 10% ab. Was machen denn die anderen 80% wenn der Coach nur mit einem Fünftel aller Mitglieder beschäftigt ist? Hier kommt wieder das Scaling auf, denn bei richtiger Skalierung können alle gemeinsam das (fast) gleiche WoD machen und der Trainer kann seine Aufmerksamkeit gleichmäßig verteilen.

3) Programming
Ein ganz wichtiger Punkt! Im Level 1 wird einem das Hopper Modell vorgestellt. Also quasi die Grundidee des CrossFit, dass wir Übungen wild zusammenwürfeln können nach dem Zufallsprinzip und das dann unsere Fitness nach dem Motto „be prepared for the unprepared“ testen und ausbauen kann. Aber ein guter Trainer zeichnet sich durch ein durchdachtes Programming aus, das im idealsten Fall mit Periodisierungen arbeitet. Klar, wer mit CrossFit beginnt, der hat zunächst einen scheinbar unerschöpflichen Pool an Schwächen vor sich den er am liebsten gleichzeitig beackern würde. Aber so funktioniert das Spiel nicht. Wir müssen uns zeitweise auf eine schwäche konzentrieren und konstant daran arbeiten. Danach können wir dann testen, ob wir uns tatsächlich verbessert haben und zum nächsten Schwachpunkt übergehen. So werden wir besser.
In einer Unterhaltung mit einem sehr geschätzten Trainerkollegen, Phil Imbush von CrossFit FRA (übrigens auch Teil der CrossFit Seminar Staff) sagte er mir, das Programming sollte nach dem Grundsatz „program for the best, scale for the rest“ aufgestellt sein. Das bietet dem Trainer die Möglichkeit, wie schon oben beschrieben, dass alle zusammen trainieren können. So kann dann auch das Ziel erreicht werden alle Sportler aus ihrer jeweiligen Comfort Zone herauszubringen und ihnen den entsprechenden Trainingsreiz zu bieten – aber eben alle in einer sicheren und gesunden Bewegungsausführung.

4) Beziehung Coach-Sportler und Bescheidenheit
Die Beziehung zwischen dir und deinem Trainer ist enorm wichtig. Ein guter Coach sollte mehr zuhören als selbst zu sprechen und sich darüber im Klaren sein, dass er als Ansprechpartner für Ziele, Schwächen, Stärken, Verletzungen, Erfahrungen und sogar Privates gilt. Athleten wiederum sollte klar sein, dass der Coach nicht die Lösung aller Probleme darstellt, sondern lediglich euer Partner ist, um sie selbst zu bewältigen. Der Coach kann euch quasi eine Tür öffnen und vielleicht noch offen halten, aber durchgehen müsst ihr selbst. Wenn ihr ihm beispielsweise erzählt, dass ihr Probleme im Handgelenk habt, dann sollte er sich das a) anhören, b) das Workout für euch entsprechend anpassen, beispielsweise durch weniger Gewicht, um das Handgelenk nicht so sehr zu strapazieren und c) Mobility-Übungen für das Gelenk mit euch durchgehen. Ihr wiederum müsst die Übungen auch durchführen sowie euer Ego mal an der Tür lassen und das WoD wirklich mit dem geringeren Gewicht durchführen.
Wenn ihr hingegen einen neuen PR aufstellt, dann sollte euer Coach da sein, um euch mit High Fives und Chest Bumps zu beglückwünschen. Allerdings nur um direkt mit euch an dem nächsten Schritt zu arbeiten! Solche Leute, die euch dann sagen, wie krass ihre eigene Leistung in der Übung ist, und das eure Leistung zwar gut ist, aber ihr PR ja nochmal 40 kg höher liegt kann echt keiner gebrauchen. Coaches sind dazu da DICH besser zu machen, nicht sich selbst in ein besseres Licht zu rücken. Bescheidenheit ist eine Tugend.

So weit so gut. Ich hoffe, dass ich ein paar Punkte aufzeigen konnte, die den ein oder anderen zur Reflexion bewegen. Wenn ihr instinktiv bei allen Punkten an euren Coach denken musstet in einem positiven Kontext, dann könnt ihr euch wahnsinnig glücklich schätzen, wenn nicht lohnt sich vielleicht auch für ihn die Lektüre dieses Textes. Allerdings, das möchte ich zum Ende noch einmal betonen, auch der beste Coach ist keine eierlegende Wollmilchsau und kann in der Regel nicht alle oben genannten Punkte immer und zu 100% erfüllen. Superman ist eben doch ein Außerirdischer, aber wir können verdammt nah an ihn herankommen!

Finish Strong,
euer Art

  • Marco Mahnke

    Danke für den guten Text!
    Genau das liegt mir auf der Seele und regt mich derart auf. Jeder Hans und Franz schimpft sich CrossFit Coach und kennt noch nicht mal physiologische Grundlagen der Bewegung. Nur weil man diesen Sport mag heißt es nicht, dass man ihn auch lehren sollte. Immerhin besucht auch niemand einen Kochkurs und gibt danach selbst welche…
    Ein Level 1 Zertifikat hat keinerlei Aussagekraft!

    • Art Claas van der Heide

      Ja Marco, das ist leider wirklich wahr…ich empfinde den L1 dennoch sehr sinnvoll, allerdings für jeden Crossfitter, nicht gerade bzw ausschließlich für Coaches.