Praxistauglichkeit von OlyLifts für andere Sportarten

Olympisches Gewichtheben, aka OlyLifts, sind ein Grundpfeiler des CrossFit Trainings und schon weit vor der Erfindung des CrossFit ein etablierter Sport. Durch die stetig und immens schnell wachsende CF Community jedoch darf sich das Gewichtheben nun neuer Beliebtheit erfreuen. Auch immer mehr Athletiktrainer ganz anderer Sportarten setzen vermehrt auf OlyLifts zur Erweiterung der athletischen Leistungsfähigkeit ihrer Schützlinge. Denn ohne Frage brauchen wir im Sport vor allem eines: eine funktionierende Hüfte! (Btw. vergesst nicht auch an der Mobilität dieses Schmuckstückes zu arbeiten – bspw. mit der Mobility Routine Limber 11) Die Hüfte ist eines der wichtigsten Gelenke, egal welchen Sport wir betrachten. Sie ist unser „Tor zur Bewegung“, denn sie ist Dreh- und Angelpunkt jeglicher Bewegung im Unterkörper mit nicht zu verleugnendem Einfluss auf die Bewegungen und Stabilität in Rumpf und Oberkörper. Gerade in Sportarten, die Sprints oder Sprünge beinhalten – also in nahezu allen Ballsportarten, Leichtathletik, Eislaufen, Eishockey usw. (wenn ich so nachdenke fällt mir kein Sport ein in dem ich nicht entweder Springe oder Sprinte außer Schach und Angeln) – benötigen wir eine explosive Hüftstreckung. Und was fällt uns da als Übung ein, um genau dies zu trainieren? Der Snatch oder auch der Clean! Clean jedoch hauptsächlich aus CrossFit Sicht, denn im olympischen Gewichtheben ist das Umsetzen keine eigene Disziplin, sondern nur eine Teilbewegung des Umsetzen und Ausstoßen (Clean and Jerk). Aber Wurst. Es geht darum, dass wir offenbar über Olylifts die explosive Hüftstreckung wunderbar trainieren können und somit eine super Verbesserung in Spielsportarten oder Sprints bekommen sollten. Das stimmt auch durchaus. Die explosive Komponente der Hüftextension bei Snatch oder Clean kann nicht einmal ein Ketzer leugnen. Fraglich ist nur, inwieweit der Übertrag für andere Sportarten wirklich gegeben ist.

Grundlegende Überlegungen

Jason Khalipa beim Squat Clean - eine einwandfrei wichtige und gute Übung aber wie gut ist sie für andere Sportarten?
Jason Khalipa beim Squat Clean – eine einwandfrei wichtige und gute Übung aber wie gut ist sie für andere Sportarten?

Betrachten wir beispielhaft den Clean, da die Überkopfkomponente des Snatch so komplex ist und wir sie zur reinen Betrachtung der Hüfte außen vor lassen dürfen. Beim Gewichtheben versuchen wir folgende Punkte zu beachten: – Gewicht wird auf die Fersen verlagert – Füße stehen parallel – die Bewegung erfolgt gegen die Schwerkraft, da wir versuchen die Hantel möglichst gerade nach oben zu befördern – Die Arme schwingen nicht mit, sondern ziehen erst, wenn die Hüfte bereits voll gestreckt ist

Wie sehen nun die oben genannten Punkte bei einem Sprinter in der Startposition aus? – Der Sprinter steht auf den Fußballen – seine Füße stehen in Schrittstellung leicht versetzt – er bewegt sich während des Sprints schräg nach vorn – quasi „durch“ die Schwerkraft nicht direkt dagegen – seine Arme schwingen gleichzeitig zur explosiven Hüftstreckung um diese zu unterstützen

Usain Bolt beim Start
Usain Bolt beim Start

Wie gut ist also ein Clean tatsächlich, um den Sprinter in seiner spezifischen Bewegung zu verbessern, wenn bereits die grundlegenden Bewegungsmuster so unterschiedlich sind? Meiner Einschätzung nach sollten wir definitiv nicht auf den Clean oder noch grundlegendere Übungen wie Kniebeugen verzichten nur weil sie nicht genau das Bewegungsmuster abbilden, dass in der eigentlich zu verbessernden Sportart genutzt wird. Wichtig ist mir aber, dass wir OlyLifts und CrossFit im Allgemeinen auf gar keinen Fall als Eierlegende Wollmilchsau des Athletiktrainings auffassen sollten. Powerlifts und Olylifts sind und bleiben die Grundlage eines jeden Athleten und Athletiktrainings, aber sie haben auch Nachteile.
Nachteile der Oly-/Powerlifts in Bezug auf andere Sportarten Wenn wir uns Sportler anderer Sportarten ansehen, also nicht diejenigen, die CrossFit zu ihrem einzigen evtl. sogar zu ihrem Wettkampfsport auserkoren haben, dann sind Oly-/Powerlifts eine geniale Grundlage, aber die Bewegungsmuster, wie eine Kniebeuge sollte auch unter ganz anderen Umständen ausgeführt werden. Das Schöne an Olylifts ist, dass sie in „sicherer“ Umgebung stattfinden. Wir haben einen ebenen, stabilen Boden, feste Schuhe, kein Schubsen oder Ziehen von den Seiten und eine Bewegung in nur einer Ebene. Zentrales Gelenk der Kniebeuge bspw. ist das Kniegelenk, welches wir, sofern wir Kniebeugen tatsächlich immer nur im parallelen Stand auf die immer gleiche Weise durchführen, auf die Funktionen eines Türscharniers beschränken: Auf und Zu! Das ist definitiv die Hauptaufgabe dieses Gelenkes: den Unterschenkel strecken und beugen. Aber es kann noch viel mehr (ab). Schauen wir auf die schnellen Richtungswechsel eines Fußballers zum Beispiel befinden sich dessen Knie in unglaublich „Ungesund“ aussehenden Positionen. Dennoch können sie es ab und werden diesen Herausforderungen ausgesetzt. Der einfache Side Swing mit einer Clubbell beinhaltet eine Innenrotation im Kniegelenk. Ungesund? Nicht zwingend, aber vielleicht ungewohnt. Und ungewohnte Positionen sind meist das Übel das zu Verletzungen führt. Wenn wir wirklich auf das Unvorhersehbare vorbereitet sein wollen, wie es in der grundlegenden CrossFit Philosophie immer heißt, dann sollten wir auch in den Positionen Kraft aufbauen, in denen sich unsere Gelenke dann befinden könnten. Und das ist nicht nur der tiefe Squat. Oder hat jemand schon einmal beim Basketball den Rebound mit einem Ass-to-Grass Squat abgeschlossen? In der Defense im Handball oder Basketball immer genau parallel gestanden, die Zehen direkt geradeaus? Wer hält denn erst komplett an, dreht sich fein säuberlich um 180° und nimmt dann wieder Geschwindigkeit auf, um den eben an ihm vorbeigezogenen Gegner oder die eben vorbeigefahrene Straßenbahn wieder einzuholen? Und wer frönt seinem gesamten Leben auf einer immer ebenen Unterlage?

Hier steht keiner in einem einwandfreien Squat
Hier steht keiner in einem einwandfreien Squat

Spielsportarten aber auch das Leben an sich geschehen in verschiedenen Positionen. Beide beinhalten schnelle Richtungswechsel und benötigen hierfür und für die Erhaltung gesunder Gelenke Kraft in eben diesen verschiedenen Positionen. Wer viel squattet, der wird beim Squatten richtig gut und wird einen gewissen Übertrag in seine ursprüngliche Sportart haben – keine Frage. Aber das heißt noch lange nicht, dass er schneller und agiler wird, dass er es schafft beim Rebound bspw. vom Gegner geschubst zu werden und dennoch in stabiler Position, ja vielleicht sogar im Ausfallschritt, zu landen und den ergatterten Ball weiter zu spielen und vor allen Dingen das eigene Spiel weiter zu führen.

Ich bin der festen Überzeugung: wer „be prepared fort he unknown and unknowable“ zu der Grundlage seines Trainings machen will, der muss neben der Kraft in den Basisübungen auch Richtungswechsel und diverse andere Positionen mit trainieren. Denn im Leben brauchen wir multi-direktionale Kraft, Power und Schnelligkeit – das Leben ist eben mehr als nur ein stetes Auf und Ab.

 

Finish Strong, euer Art